Wildlife Cybercrime – Neue IFAW-Studie veröffentlicht

Diese Woche veröffentlichte der International Fund for Animal Welfare (IFAW) die Ergebnisse einer sechswöchigen Untersuchung von mehr als 100 Online-Marktplätzen und Social Media Plattformen in Großbritannien, Frankreich, Russland und Deutschland im Jahr 2017: Disrupt: Wildlife Cybercrime, Netzwerke zerschlagen – Illegaler Wildtierhandel im Internet

Im Rahmen der Studie wurden mehr als 5.000 Verkaufsanzeigen untersucht und sich dabei auf artgeschützte Tiere konzentriert. Der Anteil an lebenden Reptilien in diesen Inseraten – und nur über diesen Anteil soll es in diesem Artikel gehen – betrug dabei 55 Prozent. Die etablierten Leitmedien berichten bereits mit Schlagzeilen wie „Schwarzmarkt mit geschützten Tierarten boomt” oder „Elfenbein rund um die Uhr” über die (angeblich) neuen Erkenntnisse.

Die Arbeit erinnert mich allerdings sehr stark an eine IFAW-Studie aus dem Jahr 2014. Auch damals wurden während eines sechswöchigen Beobachtungszeitraumes öffentlich geschaltete Internetverkaufsanzeigen nach mutmaßlich illegalem Wildtierhandel durchforstet.

Es heißt zwar „Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast”, aber nach objektiver Durchsicht des Methodikteils der aktuellen Studie halte ich die ermittelten Zahlen für seriös. So hat der IFAW seine Zahlen nach eigenen Angaben in Zweifelsfällen deutlich nach unten korrigiert. Offensichtlich betrügerische Inserate (Scams) sind nicht in die Ergebnisse eingeflossen, bei einer unbekannten Anzahl an angebotenen Tieren in einer Verkaufsanzeige wurde lediglich mit einer 1 gerechnet und es wurde sich speziell in Deutschland zunächst auf die Plattform QUOKA.de konzentriert und Dubletten von dortigen Inseraten auf anderen Plattformen wurden nicht beachtet. Sollten die Ergebnisse tatsächlich in dieser Form ermittelt worden sein, sind die nackten Zahlen durchaus als vertrauenswürdig zu bewerten und die tatsächliche Anzahl an im Internet gehandelten artgeschützten Tieren in Wahrheit als sehr viel höher einzuschätzen, als aus den IFAW-Ergebnissen hervorgeht.

Das Problem sind aber meines Erachtens nicht die nüchternen Zahlen an sich, sondern die Schlüsse, die aus ihnen gezogen werden. Wie schon in der 2014er-Studie wurden Verkaufsanzeigen immer dann als mutmaßlich illegal eingestuft, wenn ihnen keine Herkunftsnachweise / CITES-Dokumente als Download oder Bilddatei beigefügt oder zumindest die CITES-Nummern in den Anzeigen genannt wurden. Diese Beurteilung der Illegalität beruht auf Mutmaßungen und ist daher unwissenschaftlich! So wie ich in Bezug auf die Methodik dem Grundsatz folge „im Zweifel für den Angeklagten”, wäre eine objektivere Interpretation seitens des IFAW ebenfalls wünschenswert. Der IFAW sagt dazu zwar in seiner Studie:

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Legalen von illegalem Wildtierhandel zu unterscheiden, ist im Internet insbesondere aufgrund des hohen Aufkommens an elektronischem Datenverkehr deutlich schwieriger als auf konventionellen Marktplätzen. Man kann Angebote vor dem Kauf nicht in Augenschein nehmen, und oft werden keine oder nur wenige Begleitdokumente wie etwa die Nummer der CITES-Vermarktungsgenehmigung angegeben, aus denen hervorgeht, dass der Verkauf eines geschützten Tieres zulässig ist.

Das bedeutet dann aber auch, dass man als sog. „Ermittler” ohne Beweise seine Mutmaßungen auch als solche kenntlich machen sollte - insbesondere in der öffentlichen Berichterstattung. Es wurden keinerlei Anstrengungen seitens des IFAW unternommen, den Verdacht eines illegalen Angebotes anhand weiterführender Recherchen zu erhärten und damit die Untersuchung zu validieren. Tatsächlich halte ich das auch gar nicht für die Aufgabe eines Artenschutzvereins! Diese Arbeit gehört in die Hand der zuständigen Behörden. Tatsächlich wurden insgesamt 190 Informationsprotokolle zu über 300 Inseraten (inkl. Elfenbein, Nashornhorn etc.) an die Strafvollzugsbehörden übergeben. Über den Ausgang der Ermittlungen bleibt der IFAW aber weitere Informationen schuldig.

Für große Fragezeichen sorgt der IFAW auch an anderer Stelle:

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Die Rechercheure ermittelten auch 532 zum Verkauf angebotene lebende Echsen, darunter 190 in Anhang I von CITES gelistete Himmelblaue Zwergtaggeckos. Der IFAW hatte 2014 in seinem Bericht Wanted – Dead or Alive konkret davor gewarnt, dass diese Art durch den Handel in Deutschland bedroht sei. Damals war sie noch nicht durch CITES geschützt.

Lygodactylus williamsi - Eigene Nachzucht des Autors

Meine Frage darauf lautet: Na und? Ich habe selbst schon Lygodactylus williamsi nachgezüchtet. Das ist gar nicht so schwer. Was ist problematisch daran, wenn Nachzuchten dieser Spezies auch nach ihrer Unterschutzstellung verkauft werden? Richtig, nichts – solange die Tiere gemeldet und die erforderliche Befreiung vom Vermarktungsverbot erteilt wurde. Der Handel mit L. williamsi ist inzwischen sogar als weitaus nachhaltiger und artenschutzgerechter zu bewerten, als z.B. der Handel mit nicht geschützten Arten wie dem Blaugrünen Zwergtaggecko (Lygodactylus conraui), der nach der Unterschutzstellung von L. williamsi in die Terrarien des Großhandels gezogen ist. Das zeigen jedenfalls Stocklisten etablierter Großhändler. Aber das sind Details, die statt einer sechswöchigen oberflächlichen Sichtung von öffentlichen Internetanzeigen aufwendigere Recherchen erfordern.

In der Studie heißt es ferner:

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Wie schon bei früheren Recherchen machten lebende Tiere – insbesondere Landschildkröten – den Hauptteil der Exemplare aus, die auf in Deutschland tätigen Plattformen zum Verkauf angeboten wurden. Bei weiten am häufigsten zum Verkauf angeboten wurden in Deutschland mit 4.053 lebenden Exemplaren Schildkröten, vor allem Griechische Landschildkröten, Maurische Landschildkröten und Breitrandschildkröte, die in Europa vielfach in Gefangenschaft gezüchtet werden.

Dass es sich bei den Angeboten vorrangig um Landschildkröten handelte, die aufgrund ihres regelrechten Haustierstatus in regelrechten Massen gezüchtet und gehandelt werden, zeigt, dass von den quantitativ hohen Zahlen des IFAW wenig qualitativer Inhalt zu illegale Aktivitäten abgeleitet werden kann. Überspitzt formuliert: Es ist doch wohl einfacher eine Testudo hermanni zu züchten, als einen Wildfang durch den Zoll zu schmuggeln! Aufgrund ihres „Allerweltshausstierstatus” ist ein Schmuggel auch wenig lukrativ. Illegalen Artenhandel kann man daher eher bei echten Raritäten vermuten. Doch würde man nur diese in einer Cybercrime-Studie aufzählen, käme man bei einem sechsmonatigen Beobachtungszeitraum nur auf einen verschwindend geringen Bruchteil im Vergleich zu den insgesamt 5.000+ Inseraten.

Der IFAW bezeichnet die zunehmende Löschung von Verkaufsanzeigen auf ebay (ich berichtete) als positive Entwicklung. Tatsächlich sind von der strengen Politik der Handelsplattformen aber vor allem seriöse Privatzüchter betroffen, die keinerlei Artenschutzproblematik darstellen und die nun andere Wege finden müssen, um ihre Nachzuchten an geeignete Interessenten abzugeben. Meine persönlichen (und daher natürlich subjektiven) Erfahrungen in Bezug auf Kleinanzeigen sind, dass man auf diesem Weg mit echten Liebhaberzüchtern in Kontakt kommen und sich beim Kauf vor Ort von der legalen Herkunft der Tiere überzeugen kann. Das ist bei Käufen z.B. auf Börsen oder im Zoofachhandel (der mitunter auf günstigere Massenzuchten oder gar Wildfänge zurückgreift) kaum möglich. Solche Entwicklungen werden in der IFAW-Studie natürlich nicht erwähnt.

Fazit:
Über das tatsächliche Ausmaß an „Cybercrime” in Bezug auf den Handel mit geschützten Reptilien liefert die IFAW-Studiemeines Erachtens bedauerlicherweise keinerlei Fakten. Das finde ich schade, denn ich unterstütze grundsätzlich die Zielsetzung, ein stärkeres Bewusstsein für illegalen Wildtierhandel im Internet zu schaffen und geeignete Maßnahmen für eine Bekämpfung dieser Aktivitäten zu entwickeln. Doch dafür bedarf es valider Ergebnisse anstelle von Mutmaßungen und oberflächlicher Recherchen.