Handling und Umsetzen von Vogelspinnen

Geschichten, die das Leben schreibt: Kürzlich fragte die Kundin eines hiesigen Lebensmittel-Discounters eine dort arbeitende Verkäuferin nach Handschuhen, die dafür geeignet sind, Vogelspinnen ohne Gefahr eines Bisses umzusetzen. Da mein Lebensgefährte in besagtem Discounter arbeitet, wurde die Kundin von der Verkäuferin auf seine abendliche Arbeitsschicht vertröstet – kam allerdings nicht wieder. Diesen irgendwie absurden Vorfall (es ist ja nicht so, dass wir in Hameln keine Zoofachgeschäfte haben) möchte ich zum Anlass nehmen, das Handling von Vogelspinne zu erklären. Zunächst soll jedoch die Frage geklärt werden, wann und ob das Handling bzw. Umsetzen von Vogelspinne überhaupt notwendig ist:

Handling/Umsetzen von Vogelspinnen nötig?

Foto: NGi (Pixabay)
Bei dem in der Einleitung beschriebenen Kundenwunsch ging es darum, dass das Terrarium der besagten Vogelspinne gereinigt werden und das Tier zu diesem Zweck aus dem Terrarium entnommen werden sollte. Dies ist tatsächlich einer der wenigen Gründe, die ich als ausreichend triftig erachten würde, eine Vogelspinne aus ihrer angestammten Umgebung zu entnehmen. Wobei eine Grundreinigung nicht unbedingt immer notwendig ist. Hat man z.B. in feuchten Terrarien Springschwänze und Weiße Asseln, kümmern diese sich um die meisten Hinterlassenschaften (z.B. Kot, Futtertierreste). In trockenen Terrarien kann man diese Verschmutzungen meist direkt mit einer Pinzette entnehmen. Viele Vogelspinnen (z.B. die Vertreter der Gattungen Avicularia und Caribena) neigen dazu, ihren Kot an die Scheiben des Terrariums zu schießen. Solche Verschmutzungen können z.B. mit ausgedienten Zahnbürsten beseitigt werden ohne dass die Tiere dem Terrarium entnommen und dabei womöglich sogar angestammte Wohnröhren/Gespinste zerstört werden müssen.

Tatsächlich ist es nämlich so, dass die Entnahme von Vogelspinnen aus ihrer gewohnten Umgebung einen gewissen Stress darstellt, welcher aus meiner Sicht möglichst vermieden werden sollte. Vogelspinnen orientieren sich u.a. mit sog. Orientierungsfäden. Zieht eine Vogelspinne in ein neues Terrarium ein, wird sie die Umgebung erkunden und hinter sich Fäden ziehen, die sie zur Orientierung benutzt. Entnimmt man eine Vogelspinne grundlos aus dem Terrarium und setzt sie später wieder in selbiges hinein, wird sie erneut diese Orientierungsfäden ziehen, was einen gewissen Stress und zumindest eine Vergeudung von Ressourcen darstellt. Aber vielleicht anthropoziere ich hier auch etwas zu sehr. Karin MANNS zeigt in ihrem äußerst lesenswerten aber ebenso umstrittenen Buch „Leben mit Vogelspinnen“ eine andere Seite von Vogelspinnen.

Naturbildung oder die Therapie von Arachnophobie sind aus meiner Sicht zwar durchaus gute Gründe für ein Handling von Vogelspinnen, allerdings werden diese Gründe sehr gerne aus Ausrede von Leuten vorgeschoben, die mit ihren Vogelspinnen als Statussymbol angeben wollen. Vogelspinnenbisse sind zwar in der Regel harmlos für den Menschen, stellen aber dennoch eine vermeidbare Verletzung dar, bergen ein gewisses Infektionspotenzial und können auch für die Tiere gefährlich werden. So manche Vogelspinne wurde schon aus Unachtsamkeit oder vor Schreck fallen gelassen und verletzte sich dabei tödlich.

Andere triftige Gründe für eine Entnahme von Vogelspinnen aus dem Terrarium können z.B. der Zweck der Abgabe, die Sicherung für einen Transport (z.B. im Falle eines Umzugs), das geplante Zusammensetzen für eine Verpaarung, die Geschlechtsbestimmung oder gesundheitliche Kontrolle/Behandlung aber auch das Umsetzen in größere Terrarien sein.

Verschiedene Methoden des Umsetzens:

1. Umsetzen per Hand

Die in der Einleitung erwähnte Vogelspinnenhalterin hatte Angst vor einem Giftbiss und suchte daher nach bisssicheren Handschuhen. Eine solche Absicht ist äußerst kontraproduktiv. Wenn die Handschuhe tatsächlich effektiv vor dem Durchdringen von (je nach Vogelspinnenart) bis zu 2,5 cm langen Kieferklauen (Cheliceren) schützen können, fehlt es dem Träger logischerweise am nötigen Feingefühl, welches nötig ist, wenn man eine Vogelspinne mit der „bloßen“ Hand sicher hantieren möchte. Dünnere Handschuhe, die ein für die Spinne sicheres Handtieren theoretisch ermöglichen, dienen hingegen nur der psychologischen Beruhigung, was zwar durchaus auch von Vorteil sein kann, bieten im Falle eines Bisses jedoch keinen Schutz. Nur wenn eine Vogelspinne (z.B. eine Therapie-Spinne) das Handling gewohnt ist, akzeptiere ich persönlich diese Form der Handhabung, sofern es von fachkundigen Leuten praktiziert wird, die ihr Tier kennen und die Körpersprache von Vogelspinnen lesen können. In allen anderen Situationen – so auch bei der oben geschilderten Fragestellung der Discounter-Kundin– sollte auf diese Art des Handlings aus meiner Sicht verzichtet werden.

2. Umsetzen mit einer Pinzette

Manche Halter schwören auf die Pinzette als geeignetes Werkzeug, um Vogelspinnen umzusetzen. Das Problem bei dieser Methode ist, dass der Druck, der beim Ergreifen der Spinne ausgeübt wird, nur schwer dosiert werden kann. Entweder man hält die Spinne zu locker und riskiert so ein Fallenlassen oder muss das Tier unnötig stressen, bis man es endlich gesichert hat oder aber man übt zu viel Druck aus und riskiert so schwere bis tödliche Verletzungen der Spinne.

3. Vogelspinnen-Griff

Eine für den Halter und auch für das Tier eher ungefährliche Methode stellt der sog. „Vogelspinnen-Griff“ dar. Dabei wird je nach Größe der Spinne mit dem Zeige- und/oder Mittelfinger Druck auf den Vorderkörper (Prosoma) der Spinne ausgeübt, um ein Entweichen der Spinne zu verhindern, und der Zwischenraum (Petiolus) zwischen Prosoma und Hinterkörper (Ophistosoma) mit Daumen und Ringfinger fixiert. So kann die Spinne sicher angehoben und umgesetzt werden. Doch auch diese Praktik bedarf Übung, Ruhe und Feingefühl, um für alle Beteiligten verletzungsfrei abzulaufen.
4. Umsetzen mittels Dose
Die aus meiner Sicht beste Methode eine Vogelspinne umzusetzen und zu transportieren stellt das Einfangen der Spinne mit einer Kunststoffdose dar. Sehr gut geeignet für die meisten adulten Vogelspinnen sind dafür Heimchendosen, die praktischweise bereits mit Luftlöchern versehen sind. Verwendet man eine andere Box und ist ein längerer Aufenthalt der Spinne darin geplant, muss man selbst Lüftungslöcher hineinstechen. Sinnvoll ist es dabei, die Löcher von innen nach außen zu stechen, damit die Spinne sich nicht an den dadurch entstehenden hervorstehenden Kanten verletzen kann.

Die Kunststoffbox wird einfach über die Vogelspinne gestülpt und der Deckel anschließend unter die Öffnung geschoben. Alternativ wird der Deckel neben die Box gelegt und diese über den Deckel geschoben, wobei die Spinne der Bewegung der Box folgen wird und auf den Deckel klettert. Beim Verschluss der Dose ist natürlich darauf zu achten, dass man keine Beine der Spinne einklemmt. Zwar können Vogelspinnen ihre Beine mit ein paar Häutungen regenerieren (ausgenommen sind männliche Vogelspinnen nach der Reifehäutung, da diese sich nicht mehr häuten) und die Beine brechen in der Regel an einer Sollbruchstelle ab, weswegen es nur zu einem geringen Verlust an Blut (Hämolymphe) kommt, dennoch sind solche Verletzungen zu vermeiden.

5. Umsetzen mittels Einrichtungsgegenständen

Oft können Vogelspinnen auch einfach mit Einrichtungsgegenständen wie z.B. Korkröhren von einem Terrarium in ein anderes überführt werden. Dies stellt in bestimmten Situationen sogar einen geringeren Stress für die Vogelspinne dar, als wenn man das Tier zunächst aus einer Korkröhre heraus traktieren müsste, um es mit einer Dose einzufangen.

Regel Nr. 1: Ruhe bewahren!

Dieser Artikel wirkt vielleicht ein wenig so, als handele es sich bei Vogelspinnen um potentiell gefährliche Tiere, die mit höchster Vorsicht zu handhaben sind. Tatsächlich liegt mein Interesse weniger beim Schutz der Menschen vor eher harmlosen Verletzungen, sondern vielmehr beim Schutz der Tiere. Tatsächlich sind Vogelspinnen grundsätzlich harmlose Tiere. Lediglich nach Bissen von Ornamentvogelspinnen der Gattung Poecilotheria sind Nachwirkungen dokumentiert, die über längere Zeit andauern (z.B. Übelkeit und Lähmungen von Gliedmaßen). Die dokumentierten Berichte lassen sich aber meist auf eine bereits bestehende Vorerkrankungen oder andere Handicaps der Opfer zurückführen. Wirklich gefährlich sind Vogelspinnen für Nicht-Allergiker nicht. Solange man als Halter Ruhe bewahrt und sich nicht hektisch (aber auch nicht so sachte wie ein potentielles Beutetier) verhält, sind Übergriffe von Vogelspinnen eher die Ausnahme.

Die meisten in der Terraristik und vor allem bei Einsteigern beliebten Vogelspinnen (z.B. aus den Gattungen Brachypelma und Grammostola) gelten als beißfaul und ihre Bisse weisen eine harmlose Bienenstichsymptomatik auf. Speziell neuweltliche Vogelspinnen tendieren eher zu einem Abstreifen ihrer Brennhaare („Bombardieren“ – was lästig ist und auf Dauer zu Allergien führen kann, jedoch in aller Regel ebenfalls harmlos ist) und beißen erst in letzter Konsequenz bei starker Bedrängnis zu. Auch die häufig heraufbeschworene Aggressivität mancher Arten (z.B. Cyriopagopus lividus) lässt sich zumeist mit mangelhaften Haltungsbedingungen und fehlenden Rückzugsmöglichkeiten erklären.