Giftigkeit und LD50-Wert

  • Der Text ist sinngemäß zusammengefasst aus dem Fachbuch »Giftige und gefährliche Spinnentiere« von Dr. Günter Schmidt und beschreibt die Giftigkeit von Skorpionen, den LD50-Wert und die möglichen Folgen eines Stichunfalls.



    Grundsätzliches:
    Ungiftige Skorpione gibt es nicht. Für uns Menschen sind allerdings nur ca. 25 Arten gefährlich. Aber unbedingt zu beachten ist, das auch Skorpione aus der Liga der »Mindergiftigen«, aufgrund eventuell auftretender allergischer Reaktion für den Gestochenen fatale Folgen bewirken können. Und wer weiß schon im Vorfeld, ob sein Körper allergisch reagieren wird?


    Die folgende Zusammenfassung kann natürlich nicht sämtliche Symptome aufzählen, die im Falle eines Unfalls auftreten können, da die Zusammensetzung der Skorpiongifte zu komplex ist und Komponenten des Gifts unterschiedlich bei den einzelnen Arten variieren.



    Der LD50-Wert:
    Eine Messgröße für Toxizität ist der LD50-Wert. Er kennzeichnet die Dosis der Giftstoffe die für 50% der Versuchstiere tödlich ist. Die letale Dosis (LD) wird üblicherweise in mg/kg Körpergewicht angegeben. Der LD50-Wert sagt jedoch nur etwas über die Gefährlichkeit eines Giftes für den Menschen aus, wenn das Versuchstier in vergleichbarer Art auf das Gift reagiert. Streng genommen sind somit Aussagen über die Toxizität beim Menschen nur bei tatsächlich vorgefallenen Vergiftungen möglich. Die für uns gefährlichsten Arten findet man in der Familie Buthidae, die größte und älteste rezente (von vor 10.000 Jahren bis zur Gegenwart auftretende) Skorpionfamilie. Bei Buthiden schwanken die LD50-Werte zwischen 4,25 und 0,25 mg/kg Körpergewicht.
    Leiurus quinquestriatus hat beispielsweise einen Wert von 0,25 bis 0,5 mg/kg Maus. D.h. nur diese geringe Menge Gift führte bereits zum Tode von 50 % der Versuchsmäuse. Der LD50-Wert kann jedoch nur eingeschränkt zu Rate gezogen werden. Deutlich wird dies, wenn man die weiteren Faktoren einbezieht, von der die Schwere der Vergiftung abhängt:


    - der in den Organismus gelangten Giftmenge
    - der Giftlokalisation
    - der Empfindlichkeit des Gestochenen
    - seinem Körpergewicht und Gesundheitszustand und klimatorischen Bedingungen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit)



    Die Hauptsymptome bei Skorpionstichen:
    Schmerz (Er wird von unbedeutend, über heftig, bis unerträglich geschildert. Dabei ist die Dauer unterschiedlich. Sie reicht von einigen Stunden bis Tagen.), Übererregbarkeit, Ruhelosigkeit, Speichel-und Tränenfluß, Atembeschleunigung, Dyspnoe (Atemnot), Muskelkontraktionen und Krämpfe, spastischer Lähmung, Atemlähmung. Dabei findet eine Übererregung des autonomen (vegetativen) und zentralen (neuromuskulären) Nervensystems statt.


    Weitere Symptome:
    Tachykardie (Pulsbeschleunigung), Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen), Lungenödem, Schockzustände, Steigerung der Reflextätigkeit, Schweißausbrüche, lokale Parästhesien (Störung der Empfindlichkeit), Hyperästhesie (gesteigerte Empfindlichkeit für Sinnesreize), Unruhe, Atemschwierigkeiten, Bradykardie (Verlangsamung des Herzschlages), Hypotension (Blutdrucksenkung), etc. Manche Symptome können auch erst 1 Tag nach dem Stich auftreten. Lokale Ödeme an der Stichstelle können bis zu 1-2 Wochen anhalten.



    Das Skorpiongift:
    Skorpione sind aktive Gifttiere (Verabreichung des Giftes durch den Stachel). Passive Gifttiere wie Dendrobaten dagegen haben die Giftstoffe in der Haut oder im Körper, die bei Berührung oder Verzehr zu Vergiftungserscheinungen führen.
    Skorpiongifte wirken hauptsächlich auf das neuromuskuläre und autonome Nervensystem ein. Sie enthalten große Mengen an Salzen, Lipiden, Aminosäuren, Peptiden und biogene Amine (z.B. Histamin und Serotonin) die für den Schmerz des Stiches verantwortlich sind. Die Gifte der verschiedenen Arten, Gattungen und Familien unterscheiden sich jedoch enorm.


    Viele Symptome lassen sich durch die Beinflussung von körpereigenen und freigesetzen Hormonen erklären. Hemiscorpius lepturus ist der einzige Skorpion mit gewebezerstörendem Gift. Die Folgen nach einem Stich dieses Tieres sind Nekrosen (Zelltod) und Hämolysen (Zerstörung der roten Blutkörperchen)


    Die Giftmenge bei Skorpionstichen variiert deutlich, da der gesamte Giftvorrat nicht auf einmal injiziert wird. Ein Skorpion benötigt zwischen 2 und 4 Wochen um das Giftdepot wieder aufzufüllen. Leiurus quinquestriatus kann bei einer Injektion von 24 mg Gesamtvorrat bis zu 8,2 mg Gift abgeben.


    Skorpiongift enthalten Toxine gegen Säugetiere (Versuchstiere Mäuse), Insekten (weitere Unterteilung in Heuschrecken, Schaben, Grillen etc.) und Krebstiere (Versuchtstiere Asseln). So sind aber auch Toxine gegen Säugetiere zum Teil auch bei Insekten wirksam, wie auch umgekehrt. Beispielsweise enthält das Gift von Androctonus australis 5 Säuger-, 1 Insekten- und 1 Asseltoxin.


    Verallgemeinernd kann man sagen, das Tiere mit großen Pedipalpen (Scherenhände) nur schwach wirkende oder in geringer Menge vorhandene Säugertoxine aufweisen (z.B. Pandinus imperator).



    Und wenn doch?
    Falls es in nicht wünschenswerter Weise doch einmal zu einem GAU, trotz vorausgesetztem Sicherheitsbewußtsein, kommen sollte, ist bei hochgiftigen Arten (über die hier berichtet wurde) umgehend der Notarzt zu rufen. Wichtig ist, das der exakte wissenschaftliche Name des Tieres für die sofortige Unfallmaßnahme genannt wird.


    Für einige wenige Arten existieren Antivenine, die aber in der Regel nicht zur Anwendung gelangen, da die Gefahr durch einen Serumsschock zu sterben größer ist als durch das eigentliche Gift.



    Hochgiftige Arten:
    Bothriurus sp., Buthus tunetanus., Buthacus sp., Hottentotta sp., Androctonus sp., Tityus sp., Leiurus quinquestriatus, Mesobuthus tamulus, Centruroides sp., Nebo hierochonticus, Hemiscorpius sp.



    Quelle: Dr. Günter Schmidt - Giftige und gefährliche Spinnentiere - ISBN 3 89432 405 8 (Das Buch lohnt sich)

  • Gute Zusammenfassung Cheelo!


    Häufig treten Missverständnisse auf, bezüglich der Aussagekraft des LD 50 Wertes. (Es gibt auch den LD 75, LD 99 und LD 100 Wert. Der ist aber schwieriger zu ermitteln.) Lediglich für Mäuse und Ratten sind exakt anwendbare Ergebnisse aller gängigen Substanzen bekannt. Forschungsbedingt. Allerdings braucht nicht verschwiegen zu werden, dass die Nazis ebenfalls exakte Ergebnisse von bestimmten Giften bei Menschen gesammelt haben. Hier zum Beispiel Kaliumcyanid. Auch früher schon gab es so Resultate über Arsen. Das heißt übrigens, dass die heute bekannte - und wissenschaftlich verbindliche - LD 50 von Zyankali "100%ig" für den Menschen bekannt ist! Es konnte praktisch abgeleitet werden, dass die bei Tieren ermittelten Werte halbwegs auf Menschen übertragbar sind und waren (theoretisch). Halbwegs bedeutet, eine Abweichung kann größer oder kleiner sein, je nach Situation.


    Zunehmend interessanter ist für die Forschung in letzter Zeit geworden, welche Bestandteile eines Giftes sich als Schmerzmittel isolieren lassen, die Krebsbildung hemmen, den Haarwuchs anregen, oder was auch immer. Nicht mehr so sehr, wieviel von welchem Gift tödlich ist! Da es auch Gifte gibt, die trotz unwahrscheinlicher Todeswirkung zwangsläufig schwere systemische Schäden nach sich ziehen, sucht man hier sehr individuelle Varianten.

    [COLOR="Black"]Hinweis: In Erinnerung an den Verfasser dieses Beitrages - mrbuthidae, verstorben am 13.06.2010.
    Er wird immer ein Teil unserer Forengemeinschaft bleiben. Ruhe in Frieden Danny.[/COLOR]